[Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #17/128

Im Jahr 1968 vom Nachrichtensender ABS-CBN eingerichtet, wurden die brandneuen Studios 1972 geschlossen und von der Regierung beschlagnahmt, nachdem Ferdinand Marcos das Kriegsrecht verhängt hatte. Marcos’ Kumpane übernahmen die Einrichtungen von den Eigentümern, der Familie Lopez, und verwandelten sie in das Maharlika Broadcasting System (MBS). Als die People-Power-Bewegung Marcos absetzte, wurde MBS zu PTV4.

Zwischen Neulingen wie Twink, Judith und mir und der alten Garde, die schon dabei gewesen war, als der Sender unter Marcos noch MBS geheißen hatte, gab es eine Kluft. Die alte Garde hatte gelernt, nur das Nötigste zu tun, denn wenn man sich mehr einbrachte, wurde man meist nicht belohnt, sondern bestraft.

Für die prominenten Moderatoren aus der Marcos-Zeit war in der neuen Welt kein Platz mehr. Alle, die zuvor vor der Kamera gestanden hatten – die etablierten Rundfunkmoderatoren der Marcos-Regierung –, waren verbrannt und wurden hinausgeworfen. Twink und Judith waren Frauen, die sich, wie viele andere, nach dem Machtwechsel für Moderatorenposten bei PTV4 beworben hatten. Über mehrere Tage hinweg stimmte das Publikum für seine jeweiligen Favoriten, dann benannte die Leitung des Senders die Moderatorinnen und Moderatoren, die das neue Land repräsentieren sollten. Diese Gruppe, die sich öffentlich beworben hatte, wurde ebenso zu einem Symbol der neuen Philippinen wie die Demonstranten, die den Malacañang-Palast gestürmt hatten. Twink und Judith widersprachen dem Stereotyp der philippinischen Frau. Sie waren stark, klug und zogen klare Grenzen; sie prangerten Heuchelei an und betonten den Unterschied zwischen Schwarz und Weiß, insbesondere nach Marcos.

PTV4 war aus mehreren Gründen bereit, mich einzustellen: Ich verlangte kein Gehalt, weil ich Fulbright-Stipendiatin war, und mit Twink und Judith hatte ich bereits ein fertiges Team. Innerhalb weniger Monate bekamen wir die Genehmigung, eine tägliche Live-Nachrichtensendung redaktionell zu planen, zu betreuen, zu leiten und zu produzieren – nur wir.

Genau dafür nutzte ich mein Fulbright-Stipendium: Theater im echten Leben. Ich entschied mich für den Journalismus.

Von sieben Uhr morgens bis Mitternacht war ich in der Redaktion und in den Studios. Schon früh erkannte ich den Zusammenhang zwischen qualitativ guten Sendungen und dem Fortbestand einer unabhängigen Medienorganisation. Neben den grundlegenden Aufgaben der Produktion drängte ich deshalb darauf, bessere Standards und Programme zu schaffen. Der Nachrichtenchef schüttelte nur den Kopf und tat mich als Ausländerin ab, doch Twink und Judith waren Philippinerinnen, die es besser machen wollten. Je mehr wir zustande brachten, desto mehr wollten wir tun.

Ich begriff das Konzept eines »Workflows«, eines standardisierten schrittweisen Prozesses für die Umsetzung hervorragender Beiträge. Jeder Schritt erforderte eine strenge Qualitätskontrolle. Auf den Philippinen wurde es sehr persönlich genommen, wenn man Fehler anprangerte oder eine Verbesserung der Arbeitskultur forderte; »reibungslose zwischenmenschliche Beziehungen« hatten lange Zeit Vorrang. Also stellten wir unser eigenes Team zusammen und motivierten es mit einer Vision, wie wir unsere Nachrichtensendung gestalten wollten.

Wir wollten möglichst straff geschnittene Videobeiträge, die eine Geschichte in der richtigen Reihenfolge erzählten, und kein B-Material, das träge und nichtssagend dahinplätscherte. Wir schrieben unsere Texte im Präsens: kurze, knappe, aussagekräftige, aktive Sätze anstelle der langatmigen Schachtelsätze, die bislang üblich gewesen waren. Ich verlangte engere Kameraeinstellungen, was bedeutete, dass unsere Kameramänner im Studio – ja, es waren alles Männer – während einer Live-Sendung nicht auf ihren Stühlen sitzen bleiben konnten.

Daneben begann ich, die Selbstzensur in einem neuen Licht zu sehen. Alte Gewohnheiten, die man sich in einer Diktatur angewöhnt hatte, ließen sich nur schwer ablegen. Es war stets leicht, die Selbstzensur in einem vorgelesenen Text zu erkennen, denn die Formulierungen waren bestenfalls so gewählt, dass sie dem Chef gefielen, schlimmstenfalls aber, dass sie die Machthaber nicht verärgerten. Als ich das erste Mal auf einen Fall von Selbstzensur hinwies, hatte ich tatsächlich nicht verstanden, warum das Drehbuch so umständlich formuliert war. Offenbar war in der staatlichen Nachrichtenredaktion die Praxis tief verwurzelt, jegliche Regierungsverantwortung zurückzuweisen. Twink zückte sofort ihren Stift und schrieb die von mir beanstandete Zeile um. Anschließend wurde sie ins Büro des Nachrichtenleiters gerufen, um ihre Entscheidung zu rechtfertigen.

Binnen vier Monaten entwarf und leitete ich das erste Nachrichtenmagazin des Senders, Foursight

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, mit einem Team von jungen, energiegeladenen Kreativen, das ich immer noch als Vorbild für all meine künftigen Unternehmungen betrachte. Es herrschte ein unglaubliches Sendungsbewusstsein; wir hatten das Gefühl, die Gegenwart zu schreiben, die Geschichte neu zu schreiben und die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Es war eine Zeit, in der Journalisten, die Wächter der Öffentlichkeit, ihre Verantwortung ernst nahmen. Wir alle gingen unsere Beiträge Zeile für Zeile durch – zuerst der Reporter, dann der Produzent, der ausführende Produzent und schließlich die Rechtsabteilung.

Wir standen für jedes Wort und jeden Satz gerade. Ich erneuerte meine Forderungen nach mehr Mitteln für PTV. Ich fragte, ob wir die Flure reinigen, die kaputten Lampen austauschen, die streunenden Katzen und den Gestank loswerden könnten.



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