Kräuterkunde: Geflecktes Lungenkraut - Pulmonaria officinalis

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Lungenkraut wird zumeist nicht als Nahrung gegessen, sondern ausschließlich als Medizinpflanze eingesetzt.

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Systematik

  • Ordnung: Raublattartige
  • Familie: Raublattgewächse bzw Boretschgewächse (Boraginaceae) (genauso wie Borretsch, Beinwell)
  • Unterfamilie:
  • Gattung: Lungenkräuter (Pulmonaria)
  • Art: etwa 20 Arten
    • Dunkles Lungenkraut (Pulmonaria obscura)
    • Weiches Lungenkraut (Pulmonaria mollis)
    • Schmalblättriges Lungenkraut (Pulmonaria angustifolia)
    • Knollen-Lungenkraut (Pulmonaria montana)
    • Ziegelrotes Lungenkraut (Pulmonaria rubra)
    • Cambridge Blue (Zuchtform)

Das Gefleckte Lungenkraut gilt als die heilkräftigste Variante mit den meisten Inhaltsstoffen.

Verschiedene Zuchtformen des Lungenkrauts sind vorhanden, die lediglich in der Blütenfarbe variieren.

Die Gattung der Lungenkräuter und die darin enthaltenen Arten haben GAR NICHTS mit dem Indischen Lungenkraut (Justicia adhatoda) gemeinsam. Diese wird auch Malabarnuss bezeichnet, gehört zur Familie der Akanthusgewächse (Acanthaceae) und ihr Anwendungsgebiet ist u.a. Schwangerschaftsabbrüche.
Beim Kauf von Lungenkraut (Pulmonaria) sollte unbedingt nach den wissenschaftlichen Namen gefragt werden, denn bei vielen erwerbsfähigen Lungenkräutern handelt es sich meistens um das Indische Lungenkraut, was zu fatalen Auswirkungen bei der Einnahme führen kann!
Die oberirdischen Teile und die getrockneten Blätter des Gefleckten Lungenkraut sind als Pulomonaria herba zu erwerben.

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Volkstümliche Namen

  • Arzneilungenkraut
  • Adam und Eva
  • Brüderchen und Schwesterchen
  • Bachkraut
  • Bockkraut
  • Brunneschlüsseli
  • Blaue Schlüsselblume
  • Echtes Lungenkraut
  • Fuchslungenkraut
  • Fleckenkraut
  • Güggelhose
  • Geflecktes Lungenkraut
  • Gebräuchliches Lungenkraut
  • Hirschkohl
  • Hirschkotze
  • Hirschmanngold
  • Händscherut
  • Himmelsschlüssel
  • Hänsel und Gretel
  • Hosenschiffern
  • Königsstiefel
  • Lungenwurz
  • Milzensalat
  • Schwesternkraut
  • Tag- und Nacht-Blümli
  • Unsere-lieben-Frauen-Milchkraut
  • Ungleiche Schwestern
  • Waldochsenzunge

Engl: Lungwort
Engländischer Begriff: Lady's Milk Sile (unsere lieben Frauen Milchflecken)

wissenschaftliche Bezeichnungen:

  • Pulmonaria maculosa

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Namensherkunft

Die Bezeichnung Pulmonaria deutet schon auf die Wirkstoffe gegen Husten, denn „pulmo“ bedeutet Lunge und „pulmonaris“ meint „gut für die Lunge“.

Die Botaniker sind sich im Unklaren, welchen Sinn die Flecken auf den Blättern haben. Dafür gibt es viel Raum für Streitigkeiten und Spekulationen. Es könnte sein, dass die Pflanze die Areale nutzt um ihren Wasserhaushalt zu kontrollieren. Also man geht davon aus, dass die Stellen mit Pünktchen der Pflanze ermöglichen die Transpiration zu steuern.

Die volkstümlichen Begriffe "Adam und Eva", "Hänsel und Gretel", "Tag- und Nacht-Blümli", "Brüderchen und Schwesterchen" und "Ungleiche Schwestern" stammen daher, dass die Blüten mal rot, mal blau sind. Die blauen Blüten repräsentieren Hänsel und die rosafarbenen Gretel. Dass die Blüten ihre Farbe wechseln soll durch Anthocyane zustande kommen, die vergleichsweise mit Lackmuspapier abhängig vom pH-Wert verfärben. Der pH-Wert ändert sich von sauer auf basisch. Dabei ist die Blütenfarbe am Anfang des Wachstums rot und werden schleichend blau. Rosa Blüten signalisieren, dass sie voller Nektar sind. Und blaue Blüten zeigen an, dass sie bereits bestäubt wurden.

Der weniger gebräuchliche volkstünliche name "Blaue Schlüsselblume" hat ihren Ursprung daher, dass die Blüten eine sehr große Ähnlichkeit zu der gelb blühenden Schlüsselblume (Primula spec.) haben. Wodurch die Schlüsselblume und das Lungenkraut auch des Öfteren miteinander verwechselt werden.

Der engländische Begriff für das Lungenkraut "Lady's Milk Sile" stammt daher, dass im ländlichen Gebieten der Glaube üblich war, dass die Flecken daher stammen, dass die Milch der hl. Maria darüber tropfte als sie das Jesu Baby stillte. So zählte die Pflanze im Mittelalter zu den Marienpflanzen.

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Mythologie/Geschichte

Seit mindestens dem Mittelalter wird Lungenkraut als Heilpflanze angewendet. Dabei ist aufgrund ihrer lungenähnlichen Form ihr Hauptanwendungsgebiet Lungenerkrankungen. So sollen die Blätter an ein Lungenflügel erinnern. Der Farbwechsel der Blüten vom Rosa ins Blau sollen das venösen und arterielle Blut der Lunge darstellen.

Die alten Griechen verräucherten das Lungenkraut in ihren Krankenhäusern um die Luft zu desinfizieren.
Später wurde das Kraut auch in Kirchen verräuchert. Bei Bestattungen wurde das Lungenkraut gemeinsam mit Weihrauch geräuchert um böse Geister abzuschrecken.

Hildegard von Bingen (1098-1179) schlug dem "Lungenwurz" in "Causa et Curae" als Mittel gegen Lungenkrankheiten vor. Auch nutzte sie es gegen allg. Erkrankungen der Atemwege.
Dabei ist bis heute nicht vollständig geklärt, ob es sich tatsächlich beim beschriebenen "Lungenwurz" um das Lungenkraut handelt.

Im alten Kräuterbuch des P.A. Mattioli wird das Lungengraut als Frauenkraut beschrieben und zur Wundbehandlung empfohlen. Das getrocknete Kraut wurde zu Pulver zermahlen und als Weinelixier/-tinktur angewendet. Darunter wurde auch Weißwein aus den Blättern des Lungenkrauts hergestellt, welchen man vor den Mahlzeiten trinken sollte um die Atmung und den Kreislauf zu stärken.

In der Ethnomedizin vieler Kulturen werden die Lungenkräuter gegen Mikroben wie Pilze, tierische Parasiten und bakterielle Infektionen eingesetzt. Auch als Diuretikum, also um den Harnfluss zu erhöhen, wird es angewendet.

Im Aberglaube ist das Lungenkraut als "Bote des Lichts" bekannt, da sie einer der ersten Frühblüher, v.a. neben der Schlüsselblume ist, die das Licht in das neue Jahr mitbringen.
Der alte Glaube besagt, dass wenn man am Lungenkraut riecht, einem Sommersprossen wachsen würden.

Als Liebeszauber spielt das Lungenkraut auch eine Rolle. Ein kleinen Leinenbeutel voller Blüten inne am Körper getragen, stärkt die Bindung zu einem Menschen.

Räucherwerk

Auch als Räucherung mit dem Lungenkraut wird es zum Zusammenhalt und Stärkung der Bindung zweier sich liebenden Menschen angewendet.
Bindende Räucherwerkmischungen sind mit Kiefernharz, Gundermann und Ringelblume versehen.

(Blüten)essenz

  • um Unmögliches zu wagen
  • Verwandlung aus ausweglose Situationen ins Gute
  • nahe des Abrgundes die Kurve zu kratzen
  • Anregung von phantasievollen Ideen
  • Hilfe um über den eigenen Schatten zu springen

Symbol

für das Erwachen der Natur und den Kreislauf von Belastung und Erholung.

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Inhaltsstoffe

Mehr als 90 phytochemische Stoffe, die pharmakologische Effekte erzeugen, sind wissenschaftlich in der Pflanze nachgewiesen. Lungenkraut enthält:

  • Allantoin (wundheilungsfördernd)
  • Alkaloide
  • Flavonoide
  • Gerbstoffe
  • Gerbsäure
  • Harz
  • Invertzucker
  • Kieselsäure (hoher Gehalt) (wichtig für Bindegewebe, Haut, Haar, Nägel -> stärkt das Lungegewebe)
  • Mineralstoffe
  • Mineralsalze
  • Phytosterin
  • Polysaccharide (Schleimstoffe)
  • Polyphenole
  • Pyrrolizidin-Alkaloide (PA); hier heißt es, dass Lungenkraut KEINE PA enthält.
  • Silikate (Unterstützung der Struktur und Festigkeit von Gewebe, Knochengesundheit, Wundheilung)
  • Saponine (harntreibend, schweißfördernd)
  • Schleimstoffe (große Menge)
  • Vitamin C

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Wirkungen

  • ausgleichend
  • antioxidativ
  • auswurffördernd
  • adstringierend (volksmedizinisch)
  • beruhigend (auf Schleimhäute)
  • blutungshemmend
  • diuretisch
  • erweichend
  • entzündungshemmend (volksmedizinisch)
  • gewebefestigend
  • harntreibend
  • immunstärkend
  • keimtötend
  • kräftigend
  • reinigend/desinfizierend
  • reizlindernd
  • schweißtreibend
  • schleimbildend
  • schleimlösend
  • wundheilend

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Anwendungsgebiete

  • Augenentzündung
  • Atemwegserkrankungen, Atemwegskatarrhe Asthma (volksmedizinisch)
  • Blasenerkrankungen, Blasenentzündung (Tee)
  • Brustschmerzen (Blütentee)
  • Blutauswurf (Blütentee)
  • Bindegewebsschwäche
  • chronische Bronchitis (volksmedizinisch)
  • Darmentzündung
  • Durchfall (Tee)
  • Dickdarm (TCM Zuordnung)
  • Erkältung
  • Ekzeme
  • entzündetem Kehlkopf (Blütentee)
  • Frostbeule
  • Herzklopfen
  • Hämorrhoiden
  • Halsschmerzen (Blütentee)
  • Husten (Tee) (volksmedizinisch)
  • Heiserkeit (Blütentee)
  • Hautwunden (äußerlich)
  • Harnröhreninfektionen, Harnwegsinfektionen
  • Lungenerkrankungen (Blütentee)
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Nierenbeckenentzündung
  • Pickel
  • Reizhusten (volksmedizinisch)
  • Schnitte
  • Tuberkulose (volksmedizinisch)
  • Verschleimungen
  • Wunden (kleine)

Eine polnische Studie aus dem Jahre 2018 beweist, dass das Lungenkraut in der Volksmedizin vieler Länder eine lange Tradition hat um Atemwegserkrankungen wie Asthma, chronischer Bronchitis, Tuberkulose und Husten zu behandeln. Außerdem wirke es gegen Reizhusten, ist schleimlösend und schweißtreibend.

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Anwendungsbeispiele

rohkosttauglich

  • Bäder
  • Gemüsebeilage
  • Hautcremes
  • Kosmetik: Hautpflege
  • Kräutertabak (zerbröselte Blätter)
  • Kapseln (enthalten getrocknetes, pulverisiertes Lungenkraut)
  • Lungenbier (eine Tradition aus dem bayrischen Wald, wo Lungenkraut mit Bier gekocht wird)
  • Nahrungsergänzungsmittel
  • Salate
  • Salben
  • Suppen
  • Sirup
  • Säfte
  • spinatartige Zubereitung (meist ältere Blätter dafür)
  • Tinkturen
  • Tropfen
  • Tee (Mischungen gern mit Huflattich, Spitzwegerich, Weißdorn, Kamille, Eibisch, Malve)
  • Umschlag bei Wunden (Lungenkrautwurzel in Kombi mit Ehrenpreis)
  • Wundpulver (getrocknete Blätter zur schnelleren Heilung von Wunden)

Lungenkraut wird gerne mit der Schlüsselblume kombiniert, da sich die Wirkungsweisen der Pflanzen ähnlich sind und miteinander ergänzen.

Botanik

verwendete Pflanzenteile

Das Kraut

  • Blätter
  • Blüten

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Merkmale

  • Pflanzenart: Staude
  • Wuchseigenschaften: Lichtkeimer, Kaltkeimer, mehrjährig, winterhart bis -23 Grad, teils wintergrün, ausdauernd, Bodendecker, pflegeleicht, robust, locker borstig rau behaart
  • Wuchshöhe: ca. 10 cm bis zu 40 cm
  • Wuchsbreite: 25-30 cm
  • Boden: frisch, feucht, kalkhaltig/basisch, lehmig, tonig, nährstoffreich, durchlässig humus
  • Wurzel: überdauert Winter im Rhizom, Flachwurzler, dünn und astig
  • Stängel: unverzweigt, an jedem Stängel mehrere Blüten
  • Blatt: lang gestielt, deutlich weiß gefleckte, gepunktete, zugespitzt eiförmig bis herzförmige Grundblätter, ganzrandig oder geringezahnt, Spreite mit einer Länge von bis zu 12 cm und Breite von bis zu 7 cm, oberseits dunkelgrün, unterseits hellgrün (mit leichtem Grau), deutlich hervortretenter Mittelnerv
  • Blüten: erinnern an Glöckchen, trichterförmig, kronförmig, Doppelwickel mit 5-zähliger Blüte; Kronblätter sind an ihrem Grund zur Hälfte zu einer Röhre verwachsen
  • Blütenfarbe: Farbwechsel von rosa ins violett zu blauviolett; rosa Blüten signalisieren, dass sie voller Nektar sind, Blaue sind bereits bestäubt
  • Früchte: Klausenfrüchte, bei Reifung zerfallen sie, dann sehen sie aus wie mehrere bräunliche und gezipfelte Samen, Nüsse sind mit einer eiweißhaltigen Ölschicht ummantelt
  • Geschlecht: Zwitter
  • Bestäubung: Fremdbestäubung durch Insekten (kurz- und langgriffelige Blüten verhindern Selbstbestäubung)
  • Vermehrung: Wurzelteilung, Selbstaussaat, durch Ameisen (da öliges Elaisom die Ameisen anlocken)
  • Duft: neutral ?
  • Geschmack: leicht bitter, leicht herb, säuerlich, leicht kohlartig, mild; Blätter gurkenähnlich

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Vorkommen

  • Kaukasus
  • Vorderasien
  • Mitteleuropa (Deutschland, Schweiz, Österreich) bis Mittelschweden und Mittelitalien
  • Westlich bis in die Ardennen
  • Östlich bis ins europäische Russland

Fundorte

in Höhen bis zu 1.500 Metern
im Halbschatten

  • Bachläufen
  • feuchte Senken im Wald
  • Gärten
  • Laubmischwälder (mittlerweile recht selten aufzufinden)
  • Quellfluren
  • Saumbiotopen am Waldrand
  • Wiesen

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Sammelhinweise

  • Aussaat: im März bis April
  • Blütezeit: ab März bis Juni
  • Sammelzeit: März bis Juli
  • Trocknung: in sehr dunklen Räumen, da sonst die Blätter sich schwarz verfärben und die Blüten ihre Farbe verlieren
  • Lagerung: am besten in Papiertütchen
  • Insekten: Honigbiene; fünf Wildbienen, die Zweifarbige Sandbiene (Andrena bicolor), Gemeine Pelzbiene (Anthophora plumipes) und drei Mauerbienen (Osmia bicolor, Osmia pilicornis und Osmia uncinata); Blätter sind Futter für die Raupen der 4 Eulenfalter, z.B. Lungenkraut-Staubeule (Atypha pulmonaris), Lungenkraut-Höckereule (Euchalcia modestoides)(streng geschützt und stark gefährdete Art) und Lungenkraut-Metalleule (Euchalcia modestoides), die letzten 3 genannten werden auch als "Schädlinge" angesehen
  • Schädlinge: Blattläuse und Mehltau, Schnecken
  • Nebenwirkungen: Die Pyrrolizidinalkaloide sind leberbeeinträchtigend und dahingehend ist ein Verzicht auf übermäßigen Konsum zu beachten. Wenn man die Pflanze nur gelegentlich verzehrt, gilt er als unbedenklich.
    In der Schwangerschaft und Stillzeit sollte man das Lungenkraut nicht einnehmen, da keine wissenschaftlichen Untersuchungen vorliegen. Auch wenn du Medikamente einnimmst, solltest du vorher eine Absprache mit deinem Arzt haben.

Verwechslungsgefahr!

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Quellen:
Bilderquelle: 1. Bild von mir, alle weiteren von pixabay.com
t.me/pflanzenheilkunde
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Hinweis !

Bei Verbesserungsvorschlägen, Fehlern und Inspirationen bitte ich um Korrektur. Der Beitrag ist nicht vollständig und es ist noch lange nicht alles über diese Pflanze gesagt.
Dieser Beitrag dient nicht als Heilversprechen, sondern als Zusammenstellung, was ich über die Pflanze im Internet finden konnte. Wenn du die Pflanze einnimmst, bedeutet es nicht, dass du automatisch von all deinen Krankheiten befreit bist, doch du kannst sie als Begleitmittel nutzen und um dich wieder mit der Natur zu verbinden.

Da ich für Eigenverantwortung bin, wünsche ich mir, dass ihr euch selbst informiert, wenn ihr eine Pflanze einnehmen wollt, und nicht nur auf diesen Beitrag vertraut, sondern euren eigenen Weg findet mit der Natur zusammenzuarbeiten.

Dann wünsch ich euch viel Spaß bei eurer Reise mit der Natur :)



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